Lesen wie Gott in Frankreich: Der „Chaise Beaubourg“.

Sold, sorry.

Ein Stuhl aus dem Haus der vielen Namen: In Deutschland meist „Centre Pompidou“ genannt, bei den Franzosen auch bekannt als „Centre Beaubourg“, offiziell das „Centre national d’art et de culture Georges Pompidou“ – und inoffiziell „La Raffinerie“. Ursprünglich gedacht als repräsentatives Museum für die Kunst des 20. Jahrhunderts, kam bald die Aufgabe hinzu, die alte Pariser Nationalbibliothek zu entlasten. 1971 entschied sich die Jury des Architektenwettbewerbs unter Vorsitz von Jean Prouvé für das Projekt von Richard Rogers und Renzo Piano. Prouvé war kein Architekt (sondern ausgebildeter Kunstschmied, Künstler und Konstrukteur, heute würde man sagen: „Designer“). Das führte zwar einerseits zu internationalen Diskussionen, andererseits aber auch dazu, dass das Centre Pompidou quasi zum Gesamtkunstwerk wurde: Es ging eben nicht nur um das Gebäude an sich, sondern auch um die Einrichtung der Ausstellungsräume, der Bibliothek und sogar der Büros.
Die Architektur selbst war avantgardistisch – aber konsequent funktional: Das Gebäude ist eine Maschine. Die üblicherweise innen versteckten Funktionen wurden an die Aussenhülle verlegt und blieben sichtbar: Tragwerk und Rohre (weiß), Treppen und Rolltreppen (rot), Elektrik (gelb), Wasser (blau) und Klimatechnik (grün). Dadurch entstehen große, ununterbrochene Flächen im Inneren, ideal für die flexible Nutzung. Und natürlich auch eine ideale Angriffsfläche für konservative Kritiker, die die brachiale Optik als Affront verstanden. Das Centre wurde nach fünfjähriger Bauzeit 1977 eröffnet und beherbergt heute das Musée National d’Art Moderne (MNAM, Museum der Modernen Kunst) und die Bibliothek Bibliothèque Publique d’Information (BPI) mit über 400.000 Medien und 2000 Leseplätzen (ausserdem noch das Musikforschungszentrum IRCAM, eine Kinderwerkstatt, Kino-, Theater- und Vortragssäle, eine Buchhandlung sowie ein Restaurant und ein Café).
Und für diese Bibliothek wurde der „Beaubourg-Stuhl“ entwickelt. Konzipiert von Rogers / Piano, gestaltet von Michel Cadestin und Georges Laurent, auserwählt von der Jury unter Jean Prouvé. Der Stuhl besteht aus einem Stahlrahmen mit Sitz und Rückenlehne aus Drahtgeflecht, Die Lederpolsterung – ursprünglich cognacfarben, heute ein dunkles Braun – zeigt die Patina von fast 40 Jahren. Wer will, kann sie natürlich einfach an den Esstisch stellen und benutzen. Aber eigentlich sind die Stühle am schönsten als Objekt: Als Skulpturen der Moderne und eine Reminiszenz an eines der beeindruckendsten Architekturprojekte des 20. Jahrhunderts. (Vielleicht wieder vor einem Bücherregal, da fühlen sie sich wohl.)
Sehr empfehlenswert übrigens auch die Website https://www.centrepompidou.fr/en – mit einer intuitiv zu bedienenden Suchmaschine, die Zugriff auf die über 76.000 Kunstwerke des Museums bietet.

Product: Chaise Beaubourg

Designer: Michel Cadestin & Georges Laurent

Year: 1976

Production period: 1976

Dimensions: H: 75 cm, SH: ca. 48 cm B: 53 cm

Materials: Metall, Leder, Polsterung

Price: