antibeige ist keine farbe, sondern eine haltung: für mehr pop, mehr punk, mehr memphis und mehr was-ihr-wollt. „was wir brauchen, sind ein paar verrückte leute; seht euch an, wohin uns die normalen gebracht haben.“ (george bernard shaw)

das ist das ziel dieser interviewserie von func. – wir porträtieren freigeister und menschen, die aus der reihe tanzen, die ein bisschen anders sind, die wenig darauf geben, was wohl die nachbarn denken. und die wir als unsere kunden kennengelernt haben.

Heute: Petra Rother, Henstedt-Ulzburg.

 

Interview: Mathias Jahn, Fotos: Stefan Trocha
for an english summary please click here.

 

 

Der Scheinfriese.

Die Idylle fängt gleich hinter Hamburg an: In diesem Fall 15 km nördlich in Henstedt-Ulzburg, Schleswig-Holstein. Entstanden aus drei mittelalterlichen Bauerndörfern, aber die Gegend ist wohl schon seit der Altsteinzeit besiedelt. Es gibt eine sehr schöne Windmühle, von Burg und Schloß hingegen sind nur noch Spuren sichtbar. Hier entspringen die Pinnau und die Alster, die dann auch ein bisschen Idylle nach Hamburg transportiert. Und 1972 bauten die „Semmelings“ hier ihr Haus: In Dieter Wedels Debüt-Fernsehserie ‚Einmal im Leben – Geschichte eines Eigenheims‘. Da lernten die Deutschen, was so alles bei einem Hausbau schiefgehen kann (mit Einschaltquoten von 68% oder 27 Millionen Zuschauern). Aber immerhin: Der Fernsehbungalow war echt und steht immer noch. Genau wie das Friesenhäuschen, das wir heute besuchen. Es gehört Familie Rother – und Petra führt uns durchs Haus.

 

Wenn man hier wohnt, ist man dann eher Landkind oder eher Stadtkind?

Eine gute Mischung, würde ich sagen. Ich habe lange und gerne in Hamburg gelebt, wusste aber immer, mit Familie möchte ich lieber raus aufs Land. Wir haben alle gern Tiere um uns herum und das ist in der Stadt nicht so einfach machbar.

 

Klar, sowohl Kinder als auch Tiere muss man ja irgendwann mal rauslassen.

Genau. Und Pferde in der Stadtwohnung wäre auch eher schwierig. Wir sind immer viel geritten und hier ist man natürlich viel näher dran: Ich guck‘ aus dem Fenster auf den Reitstall und hab‘ die Pferde um die Ecke.

 

Wie lange wohnt Ihr hier schon?

Fast 25 Jahre in diesem Haus und vorher auch schon zwei, drei Jahre im Ort. Wir haben relativ lange ein Haus hier gesucht, haben in dieser Straße ein anderes besichtigt und beim Spaziergang dann dieses hier entdeckt. Ich hab‘ mich verguckt und wollte es sofort kaufen, ich hab‘ diesen Landhausstil geliebt, mit allem Drum und Dran, vom Terrakottaboden bis zur Landhausküche. Das war ja auch so ein bisschen Trend damals.

 

Wenn man das Haus von außen sieht, fühlt es sich ja auch sehr nach Landleben an. Aber wenn man dann reinkommt, ist das schon ein ganz schöner Bruch. War das nach zwei Jahrzehnten Idylle Absicht – oder ging es eher um mehr Platz, mehr Raum?

Naja, ich hab‘ mich schon immer für Architektur interessiert – und wir mochten beide den Bauhaus-Stil sehr gern. Ich seh‘ auch das gar nicht so als Bruch, sondern als Ergänzung. Ich mag das Klare, Ruhige, ich fühle mich darin sehr wohl, wenn nicht überall diese kleinen Tinnef-Sachen rumstehen oder die vielen Bildchen an der Wand. Über die Jahre wurde es von der Einrichtung und der Deko her immer weniger, immer reduzierter. Das puschelige Landhaus-Sofa zum Beispiel wurde ersetzt durch ein ‚Charles‘-Sofa von Antonio Citterio. Das steht inzwischen bei meiner Tochter in der Wohnung, die hab‘ ich auch schon ein bisschen angesteckt mit meiner Vorliebe für Klassiker.

Ganz wichtig war natürlich das allererste moderne Stück hier drin: Die ‚Arco‘-Leuchte von den Castiglioni-Brüdern. Wir machen ganz gern Städtetouren, da waren wir in Düsseldorf. Ich geh‘ auch in jeder Stadt mit Vorliebe durch Möbelläden – da ist mir diese Leuchte aufgefallen. Die haben wir gekauft und dadurch kamen wir dann überhaupt auf Designklassiker. Ich habe mich dann auch intensiver mit dem Thema Design befasst, also auch viel gelesen und angeschaut. Aber am Wichtigsten ist mir schon das Gefühl: mein „Wohlfühlzuhause“.

Die „Big Mama“ mag ich zum Beispiel sehr gern, das ist dieser große rote Sessel von Gaetano Pesce für B&B Italia. Da haben wir auch noch einen zweiten, schwarzen, da liegt aber im Moment nur der Pouf oben im Schlafzimmer. Da fand ich immer die Geschichte interessant, dass das eben „Mutter und Kind“ sind, aneinandergekettet, sozusagen. Und man sitzt sehr geborgen im Schoß der voluminösen Big Mama.

Ich bin vielleicht auch nicht so die typische Frau, die sich zum Geburtstag ’ne neue Handtasche oder Schmuck wünscht – ich hab‘ mir immer ein Möbelstück gewünscht. Wie auch den Sunball, der jetzt hinten im Garten steht, extra auf einem kleinen Betonfundament. Ich kannte den schon vorher, ein Freund hatte mir mal ein Bild davon geschickt. Und dann steht plötzlich genau dieses Objekt bei func. im Schaufenster – da hab‘ ich den dann auch auf die Wunschliste gesetzt.

 

Das Schöne ist: Von solchen Geschenken haben dann ja beide was…

Absolut. Wir freuen uns beide riesig über solche Sachen. Trotzdem ist das für mich auch was Emotionales: Ich mag gerne Dinge zum Anfassen, die Haptik ist mir wichtig. Ob eine schöne Fliese oder die Betonwand: Ich freue mich einfach über Dinge, die ich schön finde, das macht gute Laune.

 

Das ist ja schon spannend, dass man das so kontinuierlich macht – also nicht: Ich zieh um, ändere meinen Wohnstil, kaufe neue Möbel und hab‘ ein neues Leben, sondern, dass sich das so einschleicht. Und irgendwann muss man dann das Haus diesen Veränderungen anpassen.

Ja, wir haben uns wirklich hingesetzt und überlegt: Was wollen wir eigentlich, wie wollen wir hier wohnen? Denn das soll ja schon auch für die nächsten zwanzig Jahre unser Zuhause bleiben. Ich glaube, dass das ein Vorteil ist, wenn man in einem Haus schon so lange gelebt hat, dann weiß man, was einem gefällt und was nicht. Im Gegensatz zum Neubau, das ist ja erstmal ein fremdes Haus, in das man sich dann einleben muss. Für uns war es mit all der Erfahrung ganz leicht zu sagen, was wir wollen: Viel Licht – denn vorher waren hier überall Sprossenfenster und Erkerchen, hübsch, aber eben auch dunkel. Wir wollten einen offeneren Wohnraum, weil es vorher zwar auch nicht klein, aber ein bisschen eng und verwinkelt war. Und mit solchen Vorgaben sind wir dann zum Architekten gegangen. Wir wollten schon, dass das Haus seine Seele behält, also dieses kleine „Hexenhäuschen“, dass es ja eigentlich ist – aber es sollte „leichter“ sein, heller, offener und im 21. Jahrhundert braucht eben auch ein Hexenhäuschen WLAN und solche Sachen.

 

Offener ist gut beschrieben: Wenn man zur Tür hereinkommt, ist der erste tolle Effekt, dass man im Prinzip sofort wieder draußen ist. Der Blick geht geradeaus durch riesige Glasscheiben bis in den hintersten Winkel des Gartens. Das ist das genaue Gegenteil von kleinen, klassischen Sprossenfenstern. Macht das auch was mit einem selbst, wenn man so wohnt?

Ja, durchaus. Mich befreit’s. Wir streiten uns morgens schon: Wer sitzt jetzt eigentlich hier und wer sitzt da und was sieht man von welchem Platz am Tisch. Das ist wie im Kino, da fliegen Vögel, rennen Katzen, ziehen Wolken durchs Bild, man sieht das Wetter. Umgekehrt sagen manche Besucher: Oh, hast Du keine Angst, dass Dich jemand sieht? Ich sag dann immer: Nö, eigentlich nicht. Ich habe auch kein Problem damit, wenn mich jemand sieht. Wir haben bewusst keine Vorhänge oder Jalousien vor den Fenstern. Erstens nehmen die ja wieder Licht weg – und dann bist Du ständig am Umstellen, hoch, runter, hoch, kippen, das wär‘ mir auch zu viel Getue. Das ist doch völlig OK, wenn man in der Küche arbeitet und jemand geht vorbei und winkt vielleicht noch. Das stört mich überhaupt nicht, das gehört doch zum sozialen Leben dazu. Und hinten kann ohnehin niemand einfach reinschauen, da braucht’s nur ein Sonnensegel im Sommer, aber das haben andere Leute ja auch auf der Terrasse. Durch diese großen Schiebetüren bekommt der Raum immens viel Licht, die Firma heißt ja passenderweise Solarlux. Und wenn man die Türen aufschiebt, ist der Raum doppelt so groß. Das verändert das Raumgefühl: Geräusche, Gerüche, die Vögel zwitschern, das Gras duftet. Und wenn man nicht nur so eine kleine Terrassentür hat, geht man auch viel selbstverständlicher mal nach draußen.

 

Und setzt sich an die, äh, Bierbank?

Ja, zum Beispiel. Die ist von Extremis, einer belgischen Firma. Ich liebe Bänke – und die hier ist so schön puristisch. Eben nicht Biergarten, sondern eher Enterprise.

 

Bleiben wir noch ein bisschen drin: Das Wohnzimmer besteht fast nur als Glas – aber im Rücken hat man eine massive Betonwand. Ist das so eine Art Kontrapunkt, der psychologische Schutz im Rücken?

Bei mir war das eher eine gestalterische Idee, aber ich find‘ den Erklärungsansatz ganz gut: Das gibt einem natürlich ganz wörtlich „Rückhalt“. Und auch das Material empfinden Menschen ganz unterschiedlich: Es gibt Leute, die empfinden Beton als roh und kalt, ich empfinde ihn als samtig und warm.

 

Auf den zweiten Blick sieht man, dass auf die Betonwand natürliches Licht von oben fällt, durch ein waagerecht liegendes Schlitzfenster. Wie kam es dazu?

Das Oberlicht war auch so ein Traum von mir, ich wollte unbedingt eines haben. Klingt komisch, aber letzten Endes war das dann auch architektonisch eine tolle Lösung. Morgens haben wir dadurch Licht von Norden, das hat eine ganz besondere Farbe. Dadurch sieht diese Betonwand dann im Laufe des Tages immer wieder anders aus – man bekommt den natürlichen Lauf der Sonne mit, das macht unglaublich viel aus für das Wohlfühlen. Wohnen ist mir eben sehr wichtig, mein Zuhause ist mir sehr wichtig, darum gibt es auch Wünsche, die man sich dann irgendwann erfüllt. Nicht nur die Betonwand oder das Oberlicht, sondern auch der gegossene Fußboden ohne Fugen und ähnliche Dinge.

 

War das dann so, dass ihr dem Architekten einen Wunschzettel gegeben habt und er hat dann die Wünsche sozusagen eingebaut?

Nein, nicht ganz. Natürlich spricht man am Anfang über Ideen und Vorstellungen, also Beton als Material, große Glasflächen oder auch Nutzungsvorstellungen. Wir wollten zum Beispiel einen Medienraum, wo man mal wirklich konzentriert Musik hören kann. Aber die Lösungen kamen dann vom Architekten – und eben auch überraschende Vorschläge, wie der Patio vor dem Souterrain, der dieses „Kellergefühl“ komplett wegnimmt. Oben kommen natürlich noch Glaswände hin, damit man nicht abstürzt – aber dadurch haben wir einen kleinen nutzbaren Innenhof mit direktem Gartenzugang.

 

Insofern ist ein guter Architekt eben auch ein guter Übersetzer – von Kundenwünschen in die Realität.

Ja, das ist manchmal eine Gratwanderung. Ich hatte das bei der Küchenplanung: Nachdem ich so meine Vorstellungen aufzählt hatte, bekam ich gesagt, dass sei ja eigentlich deren Job, den ich hier mache. Gut, das verstehe ich einerseits – aber andererseits spart es ja auch Zeit, Geld und Nerven, wenn ein Kunde weiß, was er will. Aber mit gnosa architekten hatten wir da eine großartige Verbindung: Er hatte schon für den ersten Entwurf ein Modell gebaut. Das ist für Kunden schon extrem hilfreich, dass man sich das gleich dreidimensional vorstellen kann. Er hat das präsentiert – und wir wussten: Das isses. Und das hat er dann gebaut, wirklich nur noch mit minimalsten Änderungen.

 

Apropos Küche: Was waren denn diese besonderen Vorstellungen?

Als erstes ein Weg-Wunsch, sozusagen: Ich hatte eine riiiesige Dunstabzugshaube – die musste weg. Jetzt ist da ein integrierter Kochfeldabzug nach unten, das finde ich großartig. Manche stört dann, dass bei hohen Töpfen der Wasserdampf nicht komplett abgesaugt wird, aber das ist ja eigentlich egal, es geht ja nur um das schwerere Fett. Ich würde auch immer nach Schönheit entscheiden, solange die Funktionalität für mich ausreichend ist. Ich diskutiere auch oft mit einer Freundin, die gern fragt: Aber ist das denn auch praktisch? Weiß ich nicht – vielleicht ist eine bis zur Decke weiß gekachelte Küche sehr praktisch, ich möcht‘ sie trotzdem nicht haben.

 

Aber wäre denn nicht wenigstens ein Fliesenspiegel hinter dem Herd sehr praktisch?

Hmm. Wohl auch nicht praktischer als die abwischbare Latexfarbe, die da jetzt ist. Ja, vielleicht muss man da in ein paar Jahren wieder drüberstreichen. Aber das ist eine Küche, kein Operationssaal.

 

Ich habe auch oft den Eindruck, solche Bedenken kommen oft von sehr ängstlichen Menschen: Oh Gott, was passiert dann und dann? Und wenn man dreimal nachfragt, stellt man fest: Eigentlich passiert nix Schlimmes.

Eben. Und jetzt ist ja noch alles frisch. Ich bin auch nicht so der Riesenkoch, der hier jeden Tag Gambas grillt. Oder auch die Edelstahlarbeitsplatte: Warum nimmst Du denn Edelstahl, das zerkratzt doch alles? Ja, das tut es. Aber so ziemlich jede Restaurantküche der Welt hat Edelstahloberflächen. Die sind nämlich wirklich praktisch – und Kratzer heißen übrigens Patina.

 

Die schwebenden Schränke sind auch sehr praktisch, oder?

Ja, man kann drunter saugen. Aber mir ging’s eher darum, dass es gut aussieht, nicht so schrankwandmäßig vom Boden bis zur Decke.

 

Das ist ja auch ein schöner Übergang von der Küche über den Essplatz bis in den Garten – und in der Mitte hängt eine kupferne ‚Artischocke‘.

Ja, die Leuchte von Poul Henningsen, auch so ein Klassiker und auch ein Wunschzettel-Objekt. Wenn man die einmal gesehen hat, liebt man sie oder man kann gar nichts damit anfangen. Ich habe die oft gesehen bei Spaziergängen durch Hamburg, das ist ja eine Lampe, die man auch von weit weg sofort erkennt. Aber verliebt hatte ich mich eigentlich in die Edelstahlvariante, die bei func. im Showroom hing. Dann waren wir in der Bauphase, haben die Entscheidung vor uns hergeschoben und als wir dann wollten, war sie verkauft. Ein bisschen später tauchte diese hier auf, in Kupfer, eigentlich ein ganz warmer Rotton. Und dann merkt man plötzlich, dass Edelstahl gar nicht so toll hier drin ausgesehen hätte, es wäre wohl eher blass geblieben.

 

Gehen wir mal rüber ins Wohnzimmer… die Sofalandschaft ist ja proportional perfekt vor der Wand. Ist die danach ausgesucht?

Nein, tatsächlich war das Sofa schon vor dem Umbau da. Allerdings standen die zwei Module vis-a-vis, eines blickte gegen die Wand – die vorher eben kürzer war – das andere in den Raum. So am Stück finde ich es jetzt noch schöner, ich gucke ohnehin mehr in den Garten als in den Fernseher. Und wir haben ja auch noch den Medienraum, da schaut man dann eher konzentriert mal einen Film. Hier oben soll gar nicht soviel konsumiert werden.

 

Ahja. Der Medienraum ist ja auch der Weber-Grill des Intellektuellen.

Vielleicht eher des Ernsthaften: Wenn man Musik nur als Background braucht, langen ja auch kleine Boxen. Aber Jazz zum Beispiel klingt da grausam, da ist es schon viel schöner, wenn man wirklich konzentriert zuhört, ohne Ablenkung, auf einer guten Anlage, aus guten Boxen. Man zieht sich auch mal drei Stunden zurück und genießt einfach.

 

Jetzt bin ich neugierig auf den Raum, gehen wir doch mal runter. Die Treppe ist ja auch ungewöhnlich: Mitten drin wieder ein großes Fenster…

Ja, das war mir auch wichtig, vorher war das eine dunkle Kellertreppe und damit entsteht eben auch dieses Gefühl: Man geht in den Keller. Da sind dann Vorräte und alte Umzugskisten und Werkzeug. Aber wenn man das wirklich nutzen will, muss da Licht rein.

 

Stimmt, erst wenn an dieser Stelle ein Fenster ist, merkt man, das ist toll. Und auch so ein bisschen „antibeige“, eben nicht so, wie alle es machen.

Ja, man profitiert von solchen Entscheidungen. Auch, dass wir da keine Tür haben: Es ist jetzt eher ein offenes Treppenhaus, wo man mal schnell rauf- und runterläuft. Und es wirkt größer, weil man Blickachsen hat, wo man in anderen Häusern immer von einer Tür oder einer Wand gebremst wird.

 

Aus diesem Raum schaut man wieder hinaus in den Garten – oder erst einmal in den Patio, das wirkt wie ein Erdgeschoß mit einem Hügel davor. Wie wollt Ihr das nutzen?

Oh, wenn man hier Musik hört, kann man eben auch mal raus, oder wenn man Fussball guckt, in der Halbzeit vielleicht draußen ein Bierchen trinken. Man sitzt da auch sehr geschützt, wenn’s mal windiger ist, ganz gemütlich. In die eine Betonwand sollte eigentlich noch ein Grill eingebaut werden, das haben wir dann aber nicht mehr verwirklicht.

 

Ist das insgesamt mehr so ein Jungsbereich?

Fühlt sich ein bisschen so an – aber ich flipper‘ auch für mein Leben gern. Ausserdem kommt da auch noch ein Original Donkey-Kong-Arcade-Game rein, also ein Standgerät mit Monitor und Joystick. Musik hören wir sowieso beide. Also eben mal so, mal so – man stört dann den anderen nicht, wenn man gerade den Flipper tilt.

 

Apropos: Ein „Game of Thrones“-Flipper, wow!

Ja, mein Mann liebt die Story, hat ein bisschen recherchiert und den dann gekauft. Ein Freund hat auch einen „Star Wars“-Flipper, das hat schon auch so was Verbindendes.

Geistige Notiz für mich: Medienraum, Flipper, Donkey Kong…

(Die strenge Stimme meiner Frau aus dem Off: „Nein!“ – großes Gelächter)

 

Und wenn man sich nicht am Flipper verausgabt, kann man ja auch noch ins private Gym gehen, mit Dusche gleich im Raum. Überhaupt merkt man hier auch wieder: Ein Keller, der überhaupt nicht nach Keller aussieht – was ist da der Trick?

Es sollte einfach nur eine andere Etage sein – eben nicht unterirdisch, sondern wie ein Wohnraum. Da langt es nicht, nur mal neu zu streichen, da waren natürlich Auf-Putz-Leitungen überall, unverputzte Wände, da muss man schon einmal komplett ran. Sonst liegt das am Ende brach, wenn man es dann nur so als Pflichtveranstaltung nutzt und sich ansonsten in den Räumen nicht wohlfühlt.

 

Dadurch hat man dann ja auch viel mehr Platz in den anderen Räumen, man gewinnt nicht nur Stauraum dazu, es verändert auch das Leben oben – wenn man dann zum Beispiel gar keine sichtbare Technik mehr im Wohnzimmer hat, weil das eben hier stattfindet.

Richtig. Und man muss das schon auch wollen. Wir haben den Keller, den Dachboden und die Garage auch befreit von Sachen, die da sonst immer rumstanden. Als wir während des Umbaus in ein „Leih-Haus“ gezogen sind, haben wir ausgemistet: Was wir zwei Jahre nicht angefasst haben, musste weg. Und als das Haus fertig war und wir zurückgezogen sind, haben wir dasselbe nochmal gemacht: Kartons, die wir während dieser Zeit nicht gebraucht haben, wurden gar nicht erst ausgepackt. Die Vase, die ich jetzt anderthalb Jahre lang nicht vermisst habe, die werde ich wohl auch nicht vermissen, wenn sie ganz weg ist. Wir haben richtig brutal reduziert. Das macht es dann aber auch angenehm, dass man sich nicht wieder alles mit dem alten Kram vollstellt.

 

Respekt. Das Problem kenn‘ ich auch von mir – und ich habe das Gefühl, dass Männer fast mehr an solchem Zeug hängen: Platten, Zeitschriften, Modellautos, Aschenbecher, das ist noch so Jäger-und-Sammler-Romantik. Und man denkt: Irgendwann mach ich mal eine Sechs-Quadratmeter-Regalwand mit allen Modellautos drin – macht man dann aber doch nicht und die Kartons werden immer gammliger.

Es ist wirklich befreiend, loszulassen. Wir hatten ja einen echten Anlass, das zu tun – aber es ist wirklich erstaunlich, was für ein Gewinn das ist.

 

OK, aber ein paar Sammel-Gimmicks gibt’s ja noch: Die Comicfiguren zum Beispiel.

Naja, da geht’s auch eher um die Ästhetik, als um eine Sammlung. Oder um den Charme, den diese kleine Gruppe ausstrahlt. Mit Bildern ist das für mich ähnlich, es gibt nur noch eins, dieses hier, das hab‘ ich mir gegönnt, weil ich das großartig finde, diesen Achtziger-Jahre-Fotografie-Look. Entdeckt habe ich das tatsächlich in einer Wohnreportage über eine Dänin, das hing da im Hintergrund an der Wand. Dann habe ich dem hinterherrecherchiert, die Frau angeschrieben, die sagte mir, es sei von einem dänischen Fotografen, der in New York lebt – und sie hat mir dann auch den Kontakt zu ihm hergestellt. Kenneth Willard arbeitet viel für Modemagazine wie Vogue oder Vanity Fair oder auch für Kosmetikwerbung und hat auch Kleinstserien von einigen seiner Arbeiten aufgelegt. So bin ich dann da drangekommen, das war schon auch so ein bisschen eine Schatzsuche.

 

Auch eine schöne Methode, auszuwählen, was man sich an die Wand hängt. Der „beige Weg“ wäre ja, in eine Galerie zu gehen, zu gucken, was es da gibt und zu sagen: Das gefällt mir, das nehm‘ ich. Aber einem Bild hinterherzurecherchieren, das man nur von einem Foto aus einer Reportage kennt, das ist schon speziell.

Mag sein. Aber das ist dann auch genau das, was man haben will. Ich erkenne etwas als „gut“ – also: „gut“ für mich, es muss ja nicht jedem gefallen. Und dann mag ich nicht etwas anderes aufhängen, nur weil es leichter zu finden ist.

 

Das merkt man dem Haus auch an: Man denkt, das sei alles in einem Moment entstanden oder ausgesucht, das wirkt alles so stimmig.

Schön, das freut mich. Aber es ist wirklich über Jahre gewachsen, fast alle diese Möbel waren schon vorher da.

 

Trotzdem hat man immer das Gefühl: Da hat sich jemand etwas dabei gedacht. Es steckt dann oft auch eine Geschichte dahinter, das macht es lebendig, spannend und persönlich.

Interessant, das geht manchen Gästen anders, die fragen dann: Aber warum ist denn hier gar nichts Persönliches, wo sind denn Deine Bücher oder die Familienfotos oder sowas. Aber ich denke immer: Das ganze Haus ist sehr persönlich, das bin ich. Ich muss mich nicht darstellen über eine Bücherwand oder Dinge, die ich sammle.

 

Die klassische Bildungsbürgerproblematik: Man liest sehr selten alles nochmal von vorn. Es ist also nur „Gelesenes“, das Platz wegnimmt. Und trotzdem fällt es mir zum Beispiel sehr schwer, Bücher wegzugeben. Einfach, weil das für mich auch so eine Art Gemütlichkeitstapete ist: Bücherrücken erzählen Geschichten, auch wenn man sie gar nicht aus dem Regal nimmt.

Ich lese auch sehr gern, auch physisch, mit Papier in der Hand, e-Books allein geben einem nicht dasselbe Gefühl. Aber ich gebe Bücher inzwischen einfach weiter, wenn ich sie gelesen habe. Manche an Freunde, aber es gibt auch so eine Art Tauschring: Am Ortsausgang steht ein alter Kühlschrank, da sind immer Bücher drin. Man kann welche reinstellen und welche mitnehmen, die man noch nicht kennt und auch das wird gut genutzt.

 

Zurück zum Haus: Gehen wir zum Schluß noch die Treppe hoch. Was ist oben?

Das Schlafzimmer – auch ein unglaublich schöner Raum. Man liegt im Bett und schaut in den Sternenhimmel. Das waren vorher drei Räume: Schlafzimmer, Kinderzimmer, Bad, sehr klein und verwinkelt. Und das ist natürlich Luxus, wenn man das zu einem Raum zusammenlegen kann, mit der Ankleide dazwischen…

 

… und der Duschkathedrale dahinter.

Ja, das sieht ein bisschen so aus. Das ist wirklich perfekt gelöst, man steht ja in diesem kleinen Friesengiebel genau über der Haustür. Im alten Bau hatten wir dort die Badewanne stehen, das war auch schon nett, aber jetzt ist das noch großzügiger. Unter die Schrägen könnte man ja eh nichts stellen, aber man hat eben den Bewegungsraum. Auf Verglasung haben wir auch verzichtet, braucht man gar nicht. Wenn man in so einer Glasbox duscht, hat man ja immer gleichzeitig diesen Dampfeffekt: Schön warm, aber sobald man rauskommt, friert man. Das gibt’s jetzt nicht mehr: Jetzt ist es drinnen wie draußen gleich kalt.

 

Das würden ja manche eher als Nachteil sehen.

Och nö, das Wasser selbst ist mir warm genug.

 

Na, dann wünschen wir Euch viele schöne Tage in Eurem Wohlfühlzuhause – und vielen Dank, dass wir hier sein durften!

 

 

 

 

english interview summery

Interview: Mathias Jahn, Fotos: Stefan Trocha

 

The idyll starts right behind Hamburg: In this case 15 km north in Henstedt-Ulzburg, Schleswig-Holstein. Originated from three medieval farming villages, but the area has probably been inhabited since the Palaeolithic. There is a very beautiful windmill, but only traces of the castle and palace are still visible. Here the Pinnau and the Alster spring up, which then transports a little idyll to Hamburg. Today we visit a Frisian cottage, it belongs to the Rother family – and Petra leads us through the house.

Seen from the front, the house very much feels like country life. But when you come in, it’s quite a break. Was that the intention after two decades of idyll – or was it just about more space?

Well, I loved this country house style, with all the trimmings, from terracotta floor to country house kitchen. That was a bit of a trend back then. I’ve always been interested in architecture – and we both liked the Bauhaus style very much. I don’t see it as a break, but as a complement. I like the clear, calm, I feel very comfortable in it, if there aren’t these little knick-knacks everywhere or the many small pictures on the wall. Over the years it has become less and less in terms of furnishings and decoration. The rustic country house sofa, for example, was replaced by a ‚Charles‘ sofa by Antonio Citterio.

But the very first modern piece in here was the ‚Arco‘ lamp by the Castiglioni brothers. From then on I was really into design classics, I read a lot of magazines and books about design. But still the most important thing for me is the feeling: my „feel-good home“. For example, I like the „Big Mama“ very much, that’s this big red armchair by Gaetano Pesce for B&B Italia. Maybe I’m not the typical woman who wants a new handbag or jewellery for her birthday – I always wanted a piece of furniture.

And regarding the architecture: We wanted lots of light in here – because before there were bar windows and bay windows everywhere, pretty, but also dark. We wanted a more open living space, before it was not small, but a bit narrow and angled. We wanted the house to retain its soul, this little „witch’s house“ that it actually is. But it should get lighter, brighter, more open – and in the 21st century a witch’s house also needs WLAN and such things.

Now, when you enter the house, the first great effect is that you are immediately out again: The view goes straight ahead through huge glass panes to the furthest corner of the garden. It’s liberating. We argue in the morning: Who sits here and who sits there and what can be seen from which place at the table. It’s like in the cinema, birds fly, cats run, clouds pull through the sky, you can literally see the weather. Conversely, some visitors say: „Oh, aren’t you afraid that someone will see you?“ Then I always say: Nope, not really. And when you open the sliding glass doors, the room’s twice as big. This changes the feeling of space: noises, smells, birds chirping, grass smelling.

And the opposite wall is made from massive concrete with no windows, but a skylight on top of it. Some people perceive concrete as raw and cold, I perceive it as velvety and warm. And the skylight brings natural light into the room and on the wall. In the morning we have light from the north, it has a very special colour. Then the light and the look changes throughout the day – you get to see the natural course of the sun, which makes an incredible difference to the feeling of well-being. Living is very important to me, my home is very important to me, that’s why you should follow through your ideas if you can.